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Die Gestalterin

01.12.2020
Alenka Smerkolj wuchs im sozialistisch geprägten Jugoslawien auf. Nach ihrer internationalen Karriere im Wirtschaftsleben gestaltete sie Sloweniens langfristige Entwicklungsstrategie und die Agenda 2030 mit. Nun verfolgt sie die Nachhaltigkeitsziele alpenweit als Generalsekretärin der Alpenkonvention.
Bild Legende:

Panzer rollen Richtung Laibach, Hubschrauber werden abgeschossen. Es ist Sommer 1991, als der 10-Tage-Krieg ausbricht. Slowenien hat soeben seine Unabhängigkeit erklärt, die jugoslawische Regierung will das verhindern. Die junge Alenka Smerkolj arbeitet in der internationalen Abteilung der «Ljubljanska Banka». Jugoslawien zerfällt, die Bank steht vor dem Kollaps. «In diesem Jahr habe ich gelernt zu schwimmen», erzählt Smerkolj. «Wenn dir im Job so etwas passiert, realisierst du, dass es kaum schlimmer kommen kann.» Aber man lerne auch, dass es immer einen Ausweg gibt.

Sommer 2020, der Parkettboden im Büro der Alpenkonvention knarzt, Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster. Von ihrem Schreibtisch aus überblickt Alenka Smerkolj das Treiben in Innsbrucks Altstadt. Ein Jahr ist vergangen, seit sie ihren Dienst als Generalsekretärin der Alpenkonvention angetreten hat. «Eine Achterbahn aus Meetings, Konferenzen, Veranstaltungen mit Ministerien und NGOs.»

Geboren in Ljubljana, wuchs Smerkolj in den Sechzigerjahren mit dem sozialistischen System Jugoslawiens auf. «Wir lernten Solidarität und Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Nationen und Religionen.» Kostenlose Bildung und medizinische Betreuung waren selbstverständlich. Im Sozialismus funktionierten Betriebe gleich wie überall, gehörten aber den Mitarbeitenden. «Dieses System war nicht perfekt, aber es brachte mehr Gleichheit.» Sie könne sich eine Mischform dieser Philosophie mit dem heutigen System vorstellen. «Auch heute ist Ungleichheit eine der grössten Herausforderungen weltweit.»

Später studierte Smerkolj Französisch und Spanisch, beruflich dolmetschen wollte sie nicht. «Ich konnte mir nicht vorstellen, die Gedanken anderer Menschen zu übersetzen. Ich wollte meine eigenen entwickeln.» Also bewarb sie sich bei einer Bank, die Leute mit guten Sprachkenntnissen suchte. Sie lernte und reiste viel. «Ich liebte es.» Nach einigen Jahren übernahm sie die Verantwortung für die Finanzmärkte – und für mehr als 200 Mitarbeitende. Dann kam die nächste Krise, die Finanzkrise 2008 – und mit ihr eine Sinnkrise: «Was mich desillusionierte, waren nicht meine Bank oder was mit ihr passierte, sondern die Vorgänge in der Finanzindustrie.»

Smerkolj wechselte in die Politik, übernahm das slowenische Ministerium für Entwicklung und verdiente die Hälfte ihres vorherigen Lohns. «Jeder in der Bank erklärte mich für verrückt. Aber ich wollte selbst etwas verändern, anstatt andere zu kritisieren.» Zwischenzeitlich leitete sie als erste Frau das Finanzministerium und arbeitete Sloweniens langfristige Entwicklungsstrategie und die Agenda 2030 aus, die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. «Ich begann zu verstehen, dass es nachhaltige Entwicklung braucht, wenn wir etwas für die nächsten Generationen übriglassen wollen.»

Auch bei der Alpenkonvention erlebte sie schon eine Krise, die Corona-Krise. Diese habe weiter verdeutlicht: «Wir sollten nicht mehr nur auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts fokussieren, sondern darüber hinaus auf das Wohlergehen der Gesellschaft.»