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Veränderung als einzige Konstante

07.05.2019
Scheinbar zeitlos steht sie vor uns, die Alpenlandschaft. Doch eigentlich verändert sich das Gesicht der Alpen ständig.
Bild Legende:
Alles ist in Bewegung: Der Marmolata-Gletscher/I schmilzt, alte Gebäude verfallen, Büsche erobern neue Gebiete. (c) flickr John Mason

Die heutigen Alpen bilden ein immer stärker fragmentiertes Mosaik von Freizeit-Bergregionen, Leerräumen und urbanisierten Regionen, das komplex und vielschichtig ist. Dieser Flickenteppich ergibt sich aus der Vielfalt an Akteurinnen und Akteuren mit unterschiedlichen Ansprüchen daran, wie sie den alpinen Raum nutzen, schützen oder sozial und kulturell neu definieren wollen. Traditionelle Entwicklungsmodelle verlieren an Bedeutung. An ihre Stelle treten neue, gebietsbezogene Veränderungen.


Verlassene Gegenden erfinden sich neu

Die gebietsbezogenen Veränderungsprozesse, die gewissermassen eine neue Geografie der Alpen definieren, setzen eine Vielzahl verschiedener Siedlungs- und Entwicklungsdynamiken in Gang, die in gewisser Hinsicht über die 2005 von Werner Bätzing beschriebenen Prozesse hinausgehen und einige der bisherigen Merkmale verändern. Menschen besiedeln verlassene Landstriche neu und verbinden so Gebiete wieder miteinander, welche die industrielle Warenproduktion zergliedert hatte nach dem fordistischen Modell, also den Prinzipien industrieller Massenproduktion. Neue kulturelle Ansätze erobern öffentliche Räume und historische Bausubstanz in diesen Gegenden. Dabei geht es um die Integration von Stadt- und Berggebieten durch eine alpenweite Gentrifizierungsdynamik und den kulturellen Pluralismus, der die Wiederherstellung historischer Landschaften beeinflusst. Diese Prozesse begünstigen das Entstehen von «Entwicklungslabors», die bisherige Leerräume mit neuen Ideen und Funktionen füllen. So entstehen neue Wohnformen, vom sozialen Wohnungsbau bis zu Zweitwohnsitzen, aber auch Orte der alpinen Innovation wie digitale Dörfer oder umweltverträgliche Siedlungsmodelle. Örtliche Traditionen werden einerseits hinterfragt und erneuert, andererseits historische Landschaften wiederhergestellt, um sich zu Hause fühlen zu können. Ein entsprechendes Beispiel ist die Arbeit von CIPRA Italien im Susa-Tal, wo Verwaltungen und Wirtschaft neue Formen des Dialogs und des Austauschs erprobten.


Zwei Extreme der alpinen Entwicklung

Diese neue Beschreibung ergänzt sich durch Gebiete, die heute in den Alpen zementiert scheinen und in denen das traditionelle, fordistische Entwicklungsmodell zwei Extreme hinterlassen hat: Freizeit-Bergregionen und arme, an den Rand gedrängt und entvölkerte Bergregionen. Im ersten Fall verzeichnen die Regionen eine Übersättigung der alpinen Landschaft, die dort oft ökologisch stark beeinträchtigt ist. Sie muss die Bedürfnisse und Wünsche der Stadtbevölkerung erfüllen, leicht erreichbar und sehr einladend sein. Das führt häufig zu einer übermässigen Künstlichkeit der Landschaft und der Gemeinschaft, die darin lebt.

Im zweiten Fall handelt es sich um Regionen, die ihre Landschaft einerseits vor negativen kulturellen, architektonischen und sozialen Folgen bewahrt haben, aber andererseits Probleme haben die Berglandschaft zu erhalten. Das bekommen diese meist abgelegenen Täler Tag für Tag zu spüren, so bei der Wald- und Bachpflege, durch die Erdrutschgefahr usw.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es bedeutende, stadtnahe Gebiete in den Alpen, die von der Stadt abhängig und mehr durch eine konstruierte als echte Ländlichkeit geprägt sind. Mit einem Flickwerk von Massnahmen versuchen diese Gebiete, eine andere Richtung einzuschlagen. Sie entdecken das traditionelle Handwerk wieder, das einst abwanderte und dann von der Krise erfasst wurde. Sie setzen auf neue Bereiche der Green Economy, wie zum Beispiel die Fertigung von E-Bikes.


Umdeutung regionaler Identität

In den heutigen Alpen gärt es also: Berggebiete definieren sich neu und werden manchmal zu unerwarteten Protagonisten einer neuen Entwicklungsphase. Landschaften verändern sich und neue Fragen stellen sich. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um Fragen, die in der Deklaration «Bevölkerung und Kultur» der Alpenkonvention bereits berücksichtigt werden. Denn die Deklaration, die leider allzu oft als Anhang betrachtet wird, hat als Fundament die «Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins und der Identität der ansässigen Bevölkerung».


Es geht dabei um die Wiederentdeckung der Gebietsidentitäten, auch durch Prozesse der kulturellen Verschränkungen, welche die alpinen Landschaften zunehmend prägen – man denke an die Initia-tiven von ausseralpinen Gemeinschaften zur Bewirtschaftung der Hochgebirgsalmen oder zur Pflege der terrassierten Flächen für den Weinbau. Es geht dabei auch darum, dass die Menschen die Ressourcen eines Gebiets wieder erschliessen, den Ort und die Kulturlandschaft pflegen und neu gestalten. Eine schlüssige und innovative Umsetzung der Grundsätze und Ziele dieser Deklaration rückt das Gemeinschaftsbewusstsein in den Mittelpunkt und bildet die Grundlage dafür, Gebiete und Landschaften in den Alpen nachhaltig zu entwickeln.

 

Weitere Informationen:

Werner Bätzing (2005). Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. Deutschland: C. H. Beck.

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

abgelegt unter: SzeneAlpen